Mobilitätskonzept des Mehrgenerationenwohnhauses in Niedersprockhövel des Vereins Spro:Wo e.V. (Sprockhöveler Wohnprojekt)
A.1 Hintergrund und Zielsetzung
Die Mitglieder des Vereins Spro:Wo e. V. möchten das soziale und gemeinschaftliche Wohnen in nachhaltiger Weise in Sprockhövel umsetzen.
Ziel des Vereins ist das gemeinschaftsorientierte, selbstbestimmte und partizipative Wohnen durch moderne Wohnformen mit besonderer sozialer Funktion in einem Mehrgenerationen-Wohnprojekt. Der nachbarschaftliche Gedanke soll durch gegenseitige Hilfen, regelmäßige Begegnungen und Aktivitäten verwirklicht werden.
Zudem will der Verein das soziale, kulturelle und politische Leben im Wohnviertel und darüber hinaus fördern und im Sinne des bürgerschaftlichen Engagements wirken.
Mit unserem Mobilitätskonzept und unserem Leitbild des MehrgenerationenWohnprojektes wollen wir zukunftsorientierte Wege beschreiben:
- Unser Ziel ist es, generationsübergreifend für Jung und Alt einen Lebensraum zu schaffen, der den Menschen und deren Wunsch nach Gemeinschaft, aber auch nach Individualität, nach Austausch und Verständnis, nach Fürsorge, Entfaltung sowie nach Ruhe und Besinnung Rechnung trägt.
- Wir wollen einen zukunftsweisenden Beitrag leisten, zu einem selbstbestimmten, nachhaltigen und somit sozialen, ökologischen und ökonomischen Leben im Wohnquartier.
- Wir wollen einen achtsamen Umgang mit Menschen und der Natur pflegen. Gegenseitiger Respekt und Toleranz sind uns wichtig.
A. 2 Hin zu einer Mobilität, die allen nutzt
Wir als Verein Spro:Wo e.V. wollen, dass unsere Bewohner*innen möglichst wenige Autos besitzen und die Mobilität auch ohne eigenen PKW gewährleistet ist. Unser Mobilitätskonzept bietet sinnvolle Alternativen, die ökologisch wichtig sind und dazu beitragen, dass die einzelnen Bewohner*innen Kosten sparen. Deshalb setzen wir auf Car-Sharing, Elektro-Lastenrad und einen Verzicht auf ungenutzte, teure Stellplätze.
Car-Sharing senkt die Mobilitätskosten nachhaltig und fördert das bewusste Umdenken der Menschen: Denn wer sein Auto nicht „einfach so“ hat, sondern immer erst buchen muss und gleichzeitig die Kosten sieht, nutzt eher das Rad als das Auto.
Car-Sharing wirkt sich auf vielfältige Weise positiv aus. Bewohner*innen von Mehrgenerationenhäusern haben selten einen Zweitwagen und fahren schon allein dadurch weniger mit dem Auto.
Mit dem Mobilitätskonzept des Vereins Spro:Wo e.V. wollen
- wir eine geringere Anzahl von Stellplätzen mit einem entsprechenden Flächengewinn für andere Funktionen (Spiele, Erholen, Begegnen)
- eine Förderung der Nachbarschaft und Kommunikation im Wohnquartier durch Absprachen und gemeinsame Wege
erreichen.
A. 3 Die drei Säulen unseres Mobilitätskonzeptes
3.1 Fahrradverkehr und Fußgänger (erste Säule)
Als eine der drei Säulen stellt das Fahrrad im Wohnprojekt von Anfang an eine wichtige Rolle dar und soll darum durch attraktive Maßnahmen unterstützt werden:
- Mit dem Fahrrad wollen wir viele Mobilitätsbedürfnisse im Nahbereich realisieren, insbesondere zur Erledigung von alltäglichen Aufgaben, wie z.B. Einkäufe und Transport von Kindern.
- Errichtung attraktiver und gesicherter Fahrradstellplätze in der Tiefgarage. Diese sind barrierefrei erreichbar.
- Gesonderte E-Bike Stellplätze mit Stromanschluss
- Dem Aufbau und der Weiterentwicklung eines Pools an Sonderfahrzeugen, die gleichfalls in der Tiefgarage untergebracht sind, wird ein besonderes Augenmerk gewidmet. Dazu zählen Lastenfahrräder und Lastenanhänger, die zur Nutzung für alle Bewohner*innen zur Verfügung stehen.
Wichtige Bildungseinrichtungen für Kinder liegen in fußläufiger bzw. günstiger Entfernung für den Radverkehr. Da Kindergärten und eine Grundschule ortsnah vorhanden sind, bieten diese Bedingungen hervorragende Voraussetzungen, dass Kinder in Begleitung oder auch selbstständig sicher zum Kindergarten bzw. zur Schule gelangen und der Einsatz eines Autos für diesen Zweck entfallen bzw. minimiert werden kann.
Das Umfeld des Wohnquartiers kann im Bestand gut zu Fuß erschlossen werden. Einrichtungen des täglichen Bedarfs und der Gesundheitsversorgung (z.B. Einkauf, Ärzte, Schulen, Kindergärten und Kindertagesstätten befinden sich in fußläufiger Entfernung).
3.2 Öffentlicher Personennahverkehr (zweite Säule)
Das Wohnprojekt ist sehr gut an den öffentlichen Personennahverkehr angeschlossen.
Ein Bauvorhaben ist sehr gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erschlossen, wenn es höchstens 300 Meter Luftlinie gemessen von einer ÖPNV-Haltestelle entfernt ist (Stellplatzsatzung der Stadt Hattingen).
Die Betriebszeiten des ÖPNV beginnen am Vormittag zwischen 4:30 und 6:00 Uhr und enden gegen 20:00 Uhr.
Die Busbahnhöfe der umliegenden Städte und die Hauptbahnhöfe mit Fernverkehr sind mit folgenden Fahrtzeiten zu erreichen:
Hattingen 24 Min
Wuppertal 32 min.
Bochum 34 Min.
Witten 38 Min.
Essen 44 Min.
Dortmund 59 Min.
3.3 „Nachbarschaftsauto“ und Car-Sharing vor Ort (dritte Säule)
Das Vorhaben des Teilens von Autos direkt am Standort des Wohnprojektes ist nachhaltig und zukunftsfähig, denn es • Erhöht die Akzeptanz unter Bewohner* innen,
- Erzielt eine hohe Flexibilität ohne Verwaltungskosten und ohne zentrale Organisation,
- Basiert auf Vertrauen, da sich alle potenziellen Nutzer*innen untereinander kennen und die Kommunikation einfach ist,
- Reduziert die KFZ-Kosten für den einzelnen Haushalt und wirkt sich somit unmittelbar auf das persönliche Budget aus, so dass es die Bewohner*innen als direkten und sichtbaren Erfolg werten.
- In den Pool von „Nachbarschaftsautos“ können die bisherigen Fahrzeuge eingebracht werden.
- Moderne, bedarfsgerechte Lademöglichkeiten für E-Autos werden in der Tiefgarage installiert.
Das Mobilitätskonzept soll
- den unterschiedlichen Mobilitätsbedürfnissen gerecht werden,
- Kurz-, mittel- und langfristige Verschiebungen innerhalb der Mobilitätsbedarfe der Bewohner*innen abfangen.
4 Umsetzung des Stellplatzschlüssels
- Der Bedarf an Stellplätzen wurde bereits von den voraussichtlichen Bewohner*innen durch eine Umfrage konkretisiert.
- Nach der Stellplatzsatzung z.B. der Stadt Hattingen könnte die ermittelte Anzahl an notwendigen Stellplätzen um 30% gemindert werden, die Städte Bonn bzw. Hilden haben jeweils in jüngster Vergangenheit einen Stellplatzschlüssel von 0,75 bzw. 0,5 genehmigt.
- Die dem Verein Spro:Wo e.V. angehörenden zukünftigen Bewohner*innen des Mehrgenerationen-Wohnprojektes bitten die Stadt Sprockhövel, im Zuge der Bauvoranfrage auf Grundlage unseres Mobilitätskonzeptes einen Stellplatzschlüssel von 0,75 zu genehmigen. Wir bitten unseren Architekten, dass der zur Bauvoranfrage eingereichte Plan eine Tiefgarage mit 9 Stellplätzen vorsieht. Oberirdisch sollen 3 Stellplatz (davon 1 Car-Sharing-Stellplatz) erstellt werden.
- Durch den Nachweis geeigneter Flächen im Außenbereich wird die Nachrüstbarkeit weiterer Stellplätze gewährleistet.
B. 1 Schaffung einer Plattform für Bike- und Carsharing
Der Verein Spro:Wo e.V. strebt an, in Verbindung mit weiteren Partnern in Sprockhövel ein Car-Sharing-System („Sprockhövel mobil“) in Kooperation mit einem regionalen Anbieter zu organisieren.
Er plant ein Sharing-Fahrräderangebot („Call-a-Bike“) in Kooperationen mit regional vertretenen Fahrradhändlern. Weiterhin könnten Fahrradzubehör (wie z.B. Kindersitze fürs Fahrrad) und Elektrolastenräder zur Anmietung angeboten werden.
C. Vorschläge und Angebote des Vereins Spro:Wo e.V. an die Stadt Sprockhövel
Das Wohnprojekt Spro:Wo e.V. ist der perfekte Ausgangspunkt um innovative Mobilitätsangebote auszutesten und mit weiteren Akteuren der Stadt Sprockhövel quartiersbezogene Mobilitätskonzepte (weiter) zu entwickeln. Perspektivisch ist es dann wünschenswert, wenn die Wohnquartiere diese Mobilitätskonzepte auf die Verhältnisse „vor Ort“ prüfen, weiterentwickeln und dann übernehmen würden.
Der Verein Spro:Wo e.V. macht der Stadt Sprockhövel den Vorschlag, mit interessierten Stellen beispielsweise über regelmäßige Diskussionsrunden und Begegnungen in Kontakt zu bleiben, damit in anderen Siedlungen und Quartieren gleiche oder ähnliche Konzepte entwickelt und realisiert werden können.
Mögliche Bausteine für ein erweitertes Mobilitätskonzept in Sprockhövel:
C.1 Radeln ohne Alter
Auch im hohen Alter sollte das Leben noch voller Glück und Zufriedenheit sein. Dies könnte erreicht werden, wenn Ehrenamtliche Rikscha-Fahrten mit Senioren*innen und Menschen, die nicht mehr selbst in die Pedale treten können. Jede Rikscha-Fahrt ist für die Senioren*innen und dem/der Pilot*innen ein kleines Abenteuer, bei dem gemeinsame Erinnerungen geschaffen und Lebensgeschichten geteilt werden. Für beide Seiten eine Bereicherung.
C.2 Mobilitätsberatung
In regelmäßigen Zeitabständen gibt es eine Mobilitätssprechstunde in der Gemeinschaftseinrichtung des Mehrgenerationen-Wohnprojektes wäre wünschenswert, wenn dies von einer regionalen Verkehrsgesellschaft organisiert würde. Im Rahmen der Beratung können Bewohner*innen individuell erfahren, welches nachhaltige Mobilitätsangebot am besten zu ihren Mobilitätsbedürfnissen und -anforderungen passt und wie damit auch Fahrten mit dem eigenen PKW vermieden werden könnten. Zudem besteht die Möglichkeit, an Informationsveranstaltungen und Workshops zur Mobilität im Quartier teilzunehmen. Darüber hinaus sind wir bereit, an der Erstellung von Broschüren für die Bewohner*innen im Quartier mitzuwirken.
C.3 Innovative Ansätze der Kommune
Durch die Errichtung von wettergeschützten Fahrradstationen in unmittelbarer Nähe zum Gebäude und eine überdurchschnittliche gute Anbindung an das örtliche Radwegenetz könnten Stellplätze reduziert werden. Als Ergänzung könnten weitere ,,Sonderfahrzeuge“ wie etwa Lastenfahrräder, Anhänger oder Dreiräder als Grund zur Reduzierung des Autoverkehres herangezogen werden.
C.4 Finanzierung und Förderung
Die Finanzierung steht bei der Entwicklung nachhaltiger Mobilität im Wohnquartier ganz am Anfang aller Überlegungen und bestimmt deren Ausgestaltungsgrad maßgeblich mit. Daher muss bereits zu Beginn Klarheit darüber bestehen, wie (und durch wen) der Aufbau der umzusetzenden Maßnahmen finanziert werden kann und wie diese – auch langfristig tragfähig betrieben werden können. Die kommunale Verwaltung und Politik müssen ihren Beitrag zur finanziellen Förderung leisten: ob nun organisatorisch in der Koordination öffentlicher Förderprogramme oder auch durch eigene finanzielle Unterstützungsleistungen.
C.5 Zusammenarbeit
Ein nachhaltiges Mobilitätskonzept im Wohnquartier kann nur entstehen, wenn alle an einem Strang ziehen. Umso wichtiger ist es, bereits bei der Initiierung von Maßnahmen möglichst alle mit an Bord zu haben: seien es die Lokalpolitik, die Verkehrsbetriebe, die Geschäftsleute und die Bewohner*innen. Die Zusammenarbeit betrifft auch die Kommunikation nach außen. Die Bürger*innen müssen frühzeitig und realitätsnah in die Prozesse mit einbezogen werden.
C.6 Akzeptanz
Nachhaltige Mobilitätsalternativen im Wohnquartier können nur tragfähig sein, wenn sie an den Bedarf und die Bedürfnisse der Bewohner*innen angepasst sind.
C.7 Kein Mobilitätskonzept ohne Leitbild
Je früher klimafreundliche Mobilitätsangebote im Wohnquartier vorhanden sind, desto höher sind die Erfolgsaussichten, dass Bewohner*innen diese verwenden. Für eine effiziente gemeinsame Planungsarbeit ist es notwendig, dass alle Beteiligten sich zu Beginn der Arbeit auf ein gemeinsames Verständnis der Zusammenarbeit und der Ziele einigen (Leitbild). Mobilitätskonzepte sind sukzessive zu entwickeln und nachzusteuern. Am Beispiel Fahrradverleih bedeutet das etwa, anfangs nur mit wenigen Fahrrädern zu beginnen und das Angebot dann schrittweise auszubauen. Neubauprojekte wie das Mehrgenerationen-Wohnprojekt können wesentliche Arbeitsschritte der Konzeptentwicklung und Partizipation schon ab den ersten Planungen koordinieren. Mieter*innen sind durch den Lebensumbruch „Umzug“ gewillter, Routinen zu ändern. Stehen im neu bezogenen Zuhause bereits von Beginn an vielfältige Mobilitätsangebote zur Verfügung, steigert das die Akzeptanz und Nutzung dieser Angebote.
C.8 Erfolgsfaktoren
- Entwicklung von Vorschlägen zu (neuen) städtischen Stellplatzregelungen und zur Reduktion von Parkplätzen im Quartier
- Durch nachfrageorientierte Stellplatzregelungen lassen sich Kosten im Neubau sparen
Quellen
Arbeitsgruppe Mobiles, Amaryllis – Mehrgenerationen Wohnen
Konzept für umweltfreundliche Mobilitätsgestaltung Mehrgenerationen Wohnprojekt Amaryllis e. G. im WTB Villich-Müldorf, Bonn-Beul
Überarbeitete Version 08/06
Stellplatzsatzung der Stadt Hattingen vom 09,12.2019
VCD Mobilität für Menschennachbarschaftliches Wohnen
„Wohnen und Mobilität“
MARO Genossenschaft für selbstbestimmtes und nachbarschaftliches Wohnen e. G. Mobilitätskonzept der Prym Park Quartiersgesellschaft Düren, – Diskussionspapier _